Buch: „Trauern und leben“

Renate Salzbrenner

Sieben Jahre nach dem Freitod ihres Sohnes berichtet die Autorin über ihre Trauer und wie sie mit ihr zu leben lernte. Und welche Erfahrungen sie machte. Mit sich. Mit dem Leben.

Leseprobe aus: „Trauern und leben“

Warum ich schreibe

„Bald nach dem Suizid unseres Sohnes Christian vollzog ich seine letzten Lebensjahre nach. Er hatte sie nicht mehr zu Hause und nicht mehr in unserer Stadt verbracht.

Mir halfen seine Tagebücher, seine Zeichnungen, Briefe und Gespräche mit Menschen, die ihn kannten. Ich schrieb darüber, und während des Schreibens rückte Christian mir noch einmal ganz nahe. Ich ging seinen Leidensweg mit ihm

Jetzt – sieben Jahre nach seinem Tod – will ich über mich schreiben, über meine Trauer und wie ich mit ihr zu leben lernte. „Wenn mir das passiert wäre, ich hätte es nicht überlebt“, sagte eine Freundin. Vor Christians Tod habe ich auch so gedacht. Warum habe ich es überlebt? Nicht nur überlebt: Ich lebe wieder. Nicht wie früher, bevor sich unser Sohn durch Abgase das Leben nahm. Die Trauer um ihn wird mir bleiben bei aller neuen Lebensfreude. Es ist die Trauer um sein ungelebtes Leben, um das, was er erleiden musste. Um meine Unfähigkeit, ihm zu helfen. Um seinen einsamen Tod. Um die Liebe, die ich ihm – und er mir – nicht mehr geben kann.

Ich will das auch nicht ablegen, weil es mich mit meinem Sohn verbindet. Die guten und die schmerzlichen Erinnerungen – alles zusammen gehört zu unserer Mutter-Sohn-Beziehung. Und zu meiner Liebe für ihn.

Ich habe Herz und Sinne geöffnet, um Hilfe für mein Weiterleben zu empfangen. Erstarrt bleiben, sich nicht öffnen können, das Leid in sich verschließen: Das kann töten. Die Gefahr, seinem Kind in den Tod folgen zu wollen, ist groß.“

9,20