Peters Stein PDF E-Mail
Montag, 24. September 2007

Peters Stein

von Friedel Mikczinski

Am Samstag, den 4. April 1987, starb mein 30jähriger Sohn Peter.
Freitagnachmittag haben wir noch telefoniert, Samstag morgen soll alles vorbei sein! Wer kann das begreifen? Manchmal glaube ich es immer noch nicht.
Nach Peter's Beerdigung, die in Essen stattfand, war meine Tochter Petra bei mir in Hamburg. Da sah sie meine erste kreative Arbeit aus Ytongstein, frei nach Spitzweg »Der Bücherwurm«. Spontan sagte sie: »Mami, du kannst auch Peter's Grabstein machen!« Diesen Gedanken fand ich sofort gut, so konnte ich noch etwas für Peter schaffen. Gleich kam aber auch die Angst, denn ich hatte noch nie eine Bildhauerarbeit gemacht oder auch nur dabei zugesehen. Mein Gefühl sagte, du kannst es. Mein Kopf sagte nein, wie viele andere Menschen auch. Doch ich war wie besessen von dem Gedanken und ging zum Steinmetz, der mich ernst nahm. Wenn auch mit Bedenken, kaufte ich den Stein  Maße 30 x 40 x 140 cm.

Peters Stein
Peters Stein
Meine Vorstellung war ein Stein aus dem Bruch gehauen, die Realität war ein rechteckiger Block mit den gewünschten Maßen. Zwei Männer brachten den Stein in den Garten von Freunden. Mich erstaunte, dass der Lastwagen einen Hebearm hatte und zwei Männer schwer daran zu schaffen hatten, den Stein an den gewünschten Platz zu bringen. Auf meine Frage: »Was wiegt denn dieser Stein?« hörte ich die Antwort »acht Zentner«. Ich erschrak, denn auf Fragen, wie es mir gehe, sagte ich immer: »Ich fühle mich, als wäre ich acht Zentner schwer.« Nun stand da dieser Stein, ein Block, und ich war im wahrsten Sinne des Wortes blockiert. Ein Jahr stand dieser Stein im Garten, und ich hatte nicht den Mut, anzufangen.

Dann machte ich mir aus Ton eine 15 cm kleine Figur als Modell: denn ich wollte für Peter eine Frau und Kind modellieren. Er hätte jetzt, im 30sten Lebensjahr, gerne eine eigene Familie gehabt. Das Modell gefiel mir und ich fing an. Fünf Stunden danach war etwas entstanden, aber nur für mein Innerstes sichtbar. Zwar taten meine Hände weh, aber ich war, beim Arbeiten im Garten direkt am Teich, auch glücklich, etwas Bleibendes für Peter gestalten zu können, was niemand auf der ganzen Welt genauso hat. Ich arbeitete in Etappen mit langen Pausen, die oft Monate und zum Teil auch ein Jahr dauerten. Freunde und Bekannte glaubten wohl, daß ich es nie schaffen würde. Mein Verstand zweifelte auch daran, aber mein Gefühl sagte mir ganz sicher: du wirst es schon schaffen. Ganz langsam wuchs eine Mutter mit einem Kind aus dem Stein. Zu meinem Erschrecken bemerkte ich: Das war ich mit meiner Tochter Petra! Ich machte mir viele Gedanken, warum dies ohne mein Wollen aus dem Stein entstanden war. Bis mir beim Modellieren die Erkenntnis kam ja, Petra und ich werden immer auf ihn warten.

Peters Stein
Peters Stein
Sieben Jahre waren vergangen, und ich arbeitete immer noch an dem Grabstein, bis ich mir den Termin setzte, den Stein zum Geburtstag von Peter im September 1995 fertigzustellen. Immer ließ ich mich von meinen Gefühlen leiten, so auch bei der Gestaltung der Vorderseite. Vor meinem geistigen Auge stieg ein Kreuz auf. Ich sah Jesus mit dem schweren Kreuz auf dem Weg nach Golgatha. Jetzt wusste ich, es muss ein Kreuz werden; denn ich trage auch schwer daran  mein Leben lang.
Ich war zufrieden, alles war viel besser geworden, als ich es mir zugetraut hatte. Sieben Jahre Arbeit seelische und körperliche. Trauer hat heilende Kraft, las ich einmal. Es scheint zu stimmen; denn viele betroffene Eltern drücken ihre Trauergefühle durch Malen oder Schreiben aus - mein Weg ging über die Bildhauerei. Das Aufstellen des Steines an Peters Geburtstag war der Höhepunkt meines Schaffens; besonders, da zu diesem Anlaß nochmals die ganze Familie und Freunde an seinem Grabe zusammen kamen. Heute, nach neun Jahren, habe ich gelernt, mit Peters Tod zu leben - vielleicht hat diese Arbeit mir dabei geholfen.