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"Wenn der Nebel sich ein wenig lichtet..." PDF E-Mail
Sonntag, 8. Juli 2007

 "Wenn der Nebel sich ein wenig lichtet..."

Bert Beyers trauert um seine Tochter Lou, die im Alter von 17 Jahren gestorben ist.

Mein Name ist Bert Beyers. Vor gut zweieinhalb Jahren haben wir unsere Tochter Lou verloren, sie war siebzehn. Einige Wochen später sind meine Frau und ich zu den Verwaisten Eltern gegangen. Unsere Selbsthilfegruppe besteht jetzt ebenfalls zweieinhalb Jahre. Elf trauernde Menschen sind dabei, und eine Trauerbegleiterin. Die Trauernden sind Eltern und Elternteile, die eines gemeinsam haben: Sie haben ein Kind verloren. Und ich muss sagen, es gibt nicht viele Menschen, die ich so gut kenne. Ich kenne ihre dunkelsten Stunden. Und sie kennen meine.
Wir sind alle längst an einem Punkt angelangt, an dem uns Menschen, die nicht das erlebt haben, was wir erlebt haben, kaum noch verstehen. Meine Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, wissen alle, was mir geschehen ist. Aber das Leben geht eben weiter. Neue Fragen, neue Ereignisse. Und das ist ja auch gut so. Meine Kollegen verstehen aber zum Beispiel nicht, das das Zimmer unserer Tochter noch immer so ist, als hätte sie es gerade verlassen. Wir in unserer Familie, wir leben mit dem Zimmer, wir können es nicht einfach aufgeben. – Ja, was ist denn mit diesem Zimmer? Haben wir, meine Frau und ich, uns endgültig aus der Normalität verabschiedet? Haben wir mittlerweile ein Macke?

Natürlich haben wir die. Wie könnte es anders sein, wenn man seine Tochter verloren hat, für die man 17 Jahre lang gesorgt hat, sie hat aufwachsen sehen, alle Träume und Hoffnungen geteilt hat? Bei den Verwaisten Eltern sind Gespräche über solche Themen wie Lous Zimmer ganz normal: Wie ist es denn bei euch mit dem Zimmer von...? Die Antworten in unserer Selbsthilfegruppe sind sehr unterschiedlich. Jeder macht es eben so, wie er kann.

Es gibt viele dieser Fragen, die jemand, der dies nicht erlebt hat, nur schwer versteht: Warum nimmt uns der Todestag unseres Kindes immer wieder so schrecklich mit? Warum sind wir oft so müde, so erschöpft, obwohl wir doch scheinbar gar nichts getan haben? Nur getrauert. Was heißt hier „nur“ ? Warum dauert diese Trauer so lange? Warum fühlen wir uns immer wieder schuldig am Tod unserer Kinder?

Vor kurzen haben wir gemeinsam in der Gruppe folgendes gemacht. Jeder hat für sich auf ein Blatt Papier so etwas wie einen Brief an seine gestorbene Tochter oder seinen Sohn geschrieben. Es waren nur wenige Sätze. Sie begannen alle mit den Worten: Verzeih mir, dass...Diesmal haben wir uns die Briefe nicht vorgelesen. Sondern haben sie in einem kleinen Ritual verbrannt. Einer nach dem anderen. In dem Moment, als das Papier aufgehört hat zu glimmen, hat derjenige, der den Brief geschrieben hat, gesagt: Verzeih mir, bitte! – Dann trat eine große Stille ein...

Wir sehen uns alle vierzehn Tage. Aber bitte denken Sie jetzt nicht, dass wir ausschließlich zusammen sitzen und weinen. Wir können auch lachen. Wir treffen uns auch privat, nicht sehr häufig, aber das sind immer schöne Momente, sehr gelöst. Wir freuen uns dann und sind guter Dinge, wir essen und trinken und reden. Das tun wir natürlich auch mit anderen Menschen. Aber wenn wir beisammen sind, dann ist das noch etwas anderes: Wir lachen mit Menschen, die ebenfalls diese dunklen Seiten kennen. Ich kann von mir sagen, ich fühle mich oft fremd unter den Menschen, seit dem Tod von Lou, irgendwie ausgeschlossen. Hier, im Kreis der Verwaisten Eltern, geht es mir nicht so. Das hat etwas sehr Heilsames. So kann ich auch wieder und besser auf andere Menschen zugehen, denen unser Schicksal erspart geblieben ist. Ich kann jetzt auch besser über mein eigenes Leid hinweg schauen – und das der anderen sehen: der anderen Eltern in unserer Selbsthil-fegruppe, aber auch von fremden Menschen.

Ich weiß, wie sich das anfühlt, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Man torkelt umher, orientierungslos. Eine Frau aus unserer Gruppe bei den Verwaisten Eltern hat das einmal so beschrieben: Ich fahre auf der Autobahn, im Nebel. Ich kann immer nur 50 Meter weit sehen. Dann weitere 50 Meter. Aber ich kenne nicht mehr meinen Weg, von einem Ziel gar nicht zu reden...Ich habe sie gut verstanden, ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich weiß mittlerweile aber auch, wie es ist, wenn der Nebel sich ein wenig lichtet, wenn der Boden sich wieder wie ein richtiger Boden anfühlt. Nicht wie der Boden vor Lous Tod. Das ist klar: Es fühlt sich sowieso alles anders an. Aber langsam, langsam ist es wieder Boden.