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"Malte soll wieder mit mir spielen..." PDF E-Mail
Sonntag, 8. Juli 2007

“Malte soll wieder mit mir spielen...”
Geschwisterverhalten nach dem Tod des Bruders
von Anja Wiese

Als mein Sohn Malte vor vielen Jahren im Alter von 7 Jahren an Leukämie starb, waren seine Brüder 9 und 4 Jahre alt, die gerade geborene Schwester seit 3 Tagen auf der Welt... An der nur einen Spalt geöffneten Tür zum Kinderzimmer hörte ich wenige Tage nach dem Tod des Bruders den 9jährigen Marc laut weinen, herzzerreißend schluchzen, ein Weinkrampf schüttelte mein Kind. Durch die schmale Öffnung sah ich Marc auf seinem Bett liegen, das Bett bebte und wackelte von dem heftigen Weinen, von dem lauten Kummer des Jungen.

In seinen Armen lag der 4jährige Marek, klammerte sich an seinen großen Bruder und weinte mit ihm. Nach einer Weile hielt Marek kurz inne, hob den Kopf, sah seinen Bruder verstört an, warf sich wieder in seinen Arm und schluchzte weiter. Marc konnte sich nicht beruhigen und weinte und weinte... Der kleine Bruder machte einen zweiten Versuch, stockend und mit triefender Nase fragte er: "Marc, sagst du mir Bescheid, wenn du aufhörst mit Weinen - damit ich dann auch aufhören kann."
Warum erzähle ich von dieser Erinnerung? Zum einen, weil sie sich mir als Mutter, die mit angehaltenem Atem und selbst still weinend hinter der Tür stand, für alle Zeiten ins Herz gebrannt hat und zum anderen, um den Leserinnen und Lesern dieses Beitrags ein Beispiel zu geben von dem je nach Alter unterschiedlichen Verständnis und Verhalten von Kindern, die dem Tod begegnen.
Marc hatte mit seinen 9 Jahren verstanden und begriffen - intellektuell und emotional - dass sein verstorbener Bruder Malte nie wieder zurückkommen wird. Er betrauerte ihn vehement und war untröstlich und ging zwei Stunden später zum Fußballspielen...
In diesem Wechsel zwischen abgrundtiefer Trauer und totalem „dem Leben zugewandt sein” (seinem Leben zugewandt sein) fand er - mit Unterstützung der Eltern, Großeltern, Lehrer und Freunde - seinen Weg, mit dem Tod des Bruders zu leben, der bis heute einen Platz “in ihm“ hat.

Wenn wir also Kinder in diesem Alter (8-12 Jahre) in ihrer Trauer begleiten, ist es wichtig zu wissen, dass sie die Endgültigkeit des Todes verstehen und begreifen. Dieses Wissen um das "Nie-Mehr" betten sie ein in ihre gewohnten Lebensbezüge (Schule, Sport, Freundschaften), die ihrem Alltag das Maß an Normalität und Kontinuität geben, das sie brauchen. Damit bewahren sie Stabilität in einer brüchigen, instabilen Lebenszeit.
Marek (4 Jahre) macht durch seine Frage an den großen Bruder, die sinngemäß meint "Sag mir, wann es vorbei ist"', deutlich, dass für ihn der Tod nicht mit Endgültigkeit verbunden ist, sonders als "vorübergehend" erlebt wird.

Einmal hockte er im Spielzimmer inmitten seiner Lego-Bausteine, spielte nicht, sondern schaute über einen längeren Zeitraum, in dem ich ihn beobachtet hatte, durch das Terrassenfenster scheinbar  gedankenverloren in den Garten. Als ich fragte: "Marek, mein Schatz, warum spielst du denn nicht?" antwortete er: "Weil ich auf Malte warte. Er soll zurückkommen und mit mir bauen." Kinder bis zu einem Alter von 5 Jahren verbinden mit dem Tod oft Dunkelheit und entwickeln dadurch auch häufig Schlafstörungen (im Dunkeln liegen...), Angst vor dem "Ins-Bett-gehen" und benötigen von uns Erwachsenen eine Wahrnehmung ihrer Ängste, die sie meistens nicht benennen, also verbal nicht artikulieren können.
Mein Mann und ich haben einfach gefragt: "Möchtest du bei uns schlafen?" Was dazu führte, dass wir eine ganze Zeit lang ein Matratzenlager mit allen Kindern teilten. Offensichtlich haben wir intuitiv genau das angeboten, was trauernde Kinder benötigen (in dem Wort kommt die Not, in der sie sich befinden, zum Ausdruck), nämlich Körperkontakt, Wärme, Nahe, Geborgenheit, Gemeinschaft. All das vermittelt den Kindern: wir sind für dich da, auch wenn wir selbst ganz traurig sind - und auch uns tröstet das Zusammensein.
 
Die Begleitung trauernder Kinder in dieser Altersstufe erfordert viel Einfühlungsvermögen in die kindliche Vorstellungswelt, die alles, was um sie herum geschieht, undifferenziert auf sich bezieht. Wenn mein Bruder stirbt, kann ich also auch sterben... Wenn er mit 7 Jahren stirbt, könnte ich also auch mit 7 Jahren sterben...
Als Marek seinen 8. Geburtstag gefeiert hatte, sagte er zu mir: "Gott sei Dank, nun bin ich 8    Jahre und bin nicht mit 7 gestorben wie Malte." Marek wuchs im Laufe der nächsten Jahre seinem jeweiligen altersgemäßen Entwicklungsstand entsprechend - in ein verändertes Verständnis vom Tod hinein; wie alle Kinder, die in einer Familienstruktur leben, in der das Thema Tod nicht tabuisiert wird und die in verschiedenen Altersabschnitten die Frage nach dem Tod neu stellen dürfen und Unterstützung auf der Suche nach möglichen Antworten erhalten. Genau wie Marc hat Marek den Tod seines Bruders Malte in das eigene erwachsene Leben auf heilsame Weise integrieren können. Und die neugeborene Schwester , meine Tochter Mascha?

Sie wurde mit großer Freude und dankbarem Glück in unserer Familie begrüßt, aber sie wurde eben auch in ein Trauerhaus hineingeboren... Oft habe ich mir Sorgen gemacht, ob dieses kleine schutzlose Wesen in ihrem Los genügend Schutz bei uns findet. Denn auch die ganz Kleinen unter den Kindern nehmen - wie mit vielen Sensoren ausgestattet - alle atmosphärischen Stimmungen und Befindlichkeiten in der Familie auf.

Gerade kürzlich habe ich in einem unserer viermal jährlich stattfindenden überregionalen Trauerseminare in Bad Segeberg ein 3 Monate junges Zwillingsbaby gesehen und erlebt, wie es tieftraurig und kläglich - fast ohne Pause um den verstorbenen Zwillingsbruder weinte. Mascha "kannte" Malte, ihren toten Bruder, von Anfang an - sie hörte seinen Namen bevor sie sprechen konnte, sie sah sein Foto an der Wand und noch bevor sie laufen konnte, waren wir mit ihr oft am Grab des Bruders.
Später harkte sie dann gern "seinen Garten" und ließ sich als 4-jährige strahlend neben dem Grabstein fotografieren. Sie ging ungezwungen mit dem Tod um. Wenn die Brüder von gemeinsamen Erlebnissen mit Malte sprachen, wurde sie manchmal wütend: "Das ist fies! Die haben so viel mit ihm erlebt und ich nichts.”   
Dann erzählte ich ihr wieder und wieder von dem, was sie mit Malte erlebt hatte ohne sich daran erinnern zu können: wie sehr er sich auf das Baby, auf sie, gefreut hat und am liebsten immerzu den dicken Bauch von Mama mit dem Baby streichelte; dass er gesagt hatte: "Ich weiß ganz genau wie das Baby aussieht" und dass er ihr einen Tag nach ihrer Geburt das allererste Teefläschchen gab und sie lange und liebevoll im Arm gehalten hat.

Viel musste ich Mascha von "dem Wenigen" erzählen, damit sie ihr Defizit den Brüdern gegenüber etwas ausgleichen konnte. Später kam dann pragmatisch biologisches Interesse hinzu (typisch für Kinder im Grundschulalter): "Wie hat Malte denn ausgesehen, Mama, als er im Sarg lag? Und was hatte er an? Habt ihr ihm seinen Lieblingsschlafanzug angezogen? Und hat er auch ein Kuscheltier im Sarg?"
Als Jugendliche betreute Mascha einige Male die Kleinkinder in den Segeberger Trauerseminaren und konnte mit den anwesenden Familien nachspüren, welche Spuren in ihr der Tod ihres Bruders hinterlassen hat.

Diese "Innenansichten" aus meiner Familie beschreiben exemplarisch das Verhalten von Geschwistern in unterschiedlichem Alter nach dem Tod des Bruders. Sie möchten Eltern, Angehörige und Freunde ermutigen, der Trauer von Kindern Raum zu geben und den damit verbundenen vielfältigen Gefühlen zum Ausdruck zu verhelfen. Beachtete und respektierte Trauer von Kindern hilft jungen Menschen, ein belastbares und gestärktes Erwachsenenleben zu führen. Gelebte und durchlebte Trauer ist das Fundament, das auch zukünftige Lebensbrüche und Abschiede tragen kann.
Neben der Familie als "Lernfeld Trauer" sind Mitarbeiterinnen von Einrichtungen, die Kindern Lebens-und Bildungsräume anbieten ( wie Schulen, Kindergarten, Kirchengemeinden... ) aufgefordert und gefordert, eine reflektierte und annehmende Haltung im Umgang mit trauernden Kindern zu entwickeln.

Von Kindern leben lernen

Kinder kommen auf unterschiedliche Weise in Kontakt mit dem Tod - beim Sterben eines geliebten Haustieres, beim Abschied von den Großeltern, durch den Tod eines Geschwisters, eines Spielfreundes oder einer Mitschülerin, beim Tod eines nahen Angehörigen oder beim Sterben von Menschen im Freundeskreis der Eltern. Sie sehen überfahrene Igel auf unseren Straßen, sie entdecken tote Vögel auf Wegen in Parks und Wäldern.
Kinder vom Tod fern zu halten bedeutet, sie vom Leben fern zu halten. Den Tod im Leben von Kindern auszugrenzen bedeutet, Leben zu begrenzen. Der Tod gehört zum Leben, und diese Zusammengehörigkeit sollten wir Erwachsenen für Kinder erfahrbar machen.

Kinder brauchen Erwachsene als tröstende und wahrhaftige Begleiter

Kinder , die Erwachsene als tröstende und wahrhaftige Begleiter in Krisensituationen an ihrer Seite haben, werden auch mit tiefen Leiderfahrungen keinen dauerhaften Schaden an Leib und Seele nehmen, sondern sich durch einfühlsame Anteilnahme in ihrer Ganzheit positiv entwickeln - als fröhliche, traurige, laute, stille, verzweifelte, starke und lebensbejahende Menschen.