| Der Trauer eine Stimme geben |
|
|
| Donnerstag, 1. Mai 2008 | ||||||
Seite 1 von 4 Über das Buch und Theaterstück: “Das Jahr des magischen Denkens” von Ingrid Lorbach
Als Joan Didion von der New Yorker Notfallstation, auf der ihr Mann gerade gestorben ist,, nach Hause kommt, stellt sie sein Handy in die Ladestation. Im Krankenhaus hat sie einer Autopsie zugestimmt. Warum, wird ihr erst später bewusst: Wenn die Ärzte herausfinden, was genau das medizinische Problem war, könnten sie es sicher beheben, Er würde leben. Als sie Freunde in Kalifornien von seinem Tod benachrichtigen will, fällt ihr ein, dass in der dortigen Zeitzone der Zeitpunkt von Johns Tod noch gar nicht erreicht ist, Heißt das, er ist gar nicht tot? Wochen später will sie beginnen, Johns Kleidung auszusortieren. Aber wie könnte sie seine Schuhe weggeben – er wird sie brauchen, wenn er wieder kommt. So beginnt für Joan Didion die Zeit des „magischen Denkens“. Es wird das ganz erste Jahr nach dem Tod ihres Mannes durchziehen. Mit aller Macht stemmt sich dieses Denken gegen die rationale Einsicht dessen, was passiert ist. Eine Frau, die meinte, alles im Leben mit ihrem scharfen Intellekt im Griff zu haben, sieht sich plötzlich hilflos von ihren Emotionen überwältigt. Selbst wenn sie äußerlich noch funktioniert: „Sie ist hart im Nehmen“, meint der Sozialarbeiter in der Klinik zu dem Arzt, der ihr den Tod des Mannes bestätigen muss, angesichts der „gefasst“ wirkenden Didion. Die professionellen Helfer sind auf ihre eigene Weise hilflos – eine Erfahrung, die so viele Trauernde mit der Autorin teilen.
Joan Didion schreibt: „Menschen, die vor kurzem jemanden verloren
haben, zeigen einen bestimmten Ausdruck, wahrscheinlich nur für die
wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern
gesehen haben. Ich habe ihn auf meinem Gesicht bemerkt, und ich bemerke
ihn jetzt bei anderen. Es ist der Ausdruck extremer Verletzlichkeit,
Nacktheit, alles ist sichtbar.“ Ihr Buch ist ein Spiegel dieses
Ausdrucks, in dem sich trauernde Menschen manchmal bis ins Detail
wieder finden können. Wie einen schon eine Frage in einem
Kreuzworträtsel aus der Bahn werfen kann. Wie man bestimmte Wege
meidet, bestimmte Bilder nicht anschaut, damit einen die schmerzliche
Erinnerung nicht völlig überwältigt. Und wie zwecklos das ist, denn die
Bilder sind ohnehin im Kopf und der Schmerz findet seinen Weg. |
||||||


Mit ihrem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ und dem gleichnamigen Theaterstück hat die amerikanische Autorin Joan Didion die Themen Tod, Verlust und Trauer in die moderne Literatur und das moderne Leben zurückgeholt.