| Bogenstraße 26 - der lange Abschied von den Kindern |
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| Sonntag, 20. April 2008 | ||||||
Seite 1 von 4 Sie erzählen vom letzten Telefonat mit Katja oder vom letzten Weihnachtsgeschenk für Jewgeni. Sie teilen ihren Hass, ihren Schmerz und ihre Trauer. Für ein paar Stunden nur. Aber es genügt, um zu wissen: Sie sind nicht allein auf diesem Weg, der kein Ende hat. Erschienen im Hamburger Abendblatt am 15.04.2008. Von Miriam Opresnik Früh am Morgen machen sie sich auf den Weg. Sie nehmen ein paar Fotos von ihren Kindern mit, um sie den anderen zu zeigen. Dann fahren sie los, nach Hamburg. Petra Sigel aus Potsdam, Petra Eder aus Wolfshagen im Harz, Irina und Andrej Kwapp aus Plön. Jeder von ihnen kommt aus einer anderen Richtung und hat doch den gleichen Weg vor sich. Wie so oft in den vergangenen Jahren. Den Weg der Erinnerung, des Abschieds. Den Weg der Trauer. Unendlich schwer, unendlich lang. "Der Weg der Trauer wird wohl nie zu Ende sein. Denn was soll das sein, das Ende der Trauer? Wenn uns das Herz nicht mehr schmerzt in der Erinnerung?", fragt Petra Sigel und drückt damit aus, was sie alle denken: Petra Eder (45), deren elfjährige Tochter Lisa im Türkei-Urlaub entführt, vergewaltigt und ermordet wurde. Irina (47) und Andrej Kwapp (49), deren 21 Jahre alter Sohn Jewgeni nach einem Discobesuch zu Tode geprügelt wurde. Und Petra Sigel (48) selbst, deren 20-jährige Tochter Katja von ihrem Freund stranguliert und getötet wurde. Der Weg der Trauer führt nach Hamburg, in die Bogenstraße 26. Zu einer bundesweit einzigartigen Gruppe des Vereins Verwaiste Eltern. Viermal im Jahr treffen sich hier Mütter und Väter, deren Kinder durch ein Gewaltverbrechen gestorben sind. Deren Kinder ermordet wurden. Kinder wie Lisa, Katja und Jewgeni. Kinder wie Carolin, die von einem Sexualtäter vergewaltigt und getötet wurde. Kinder wie Kirsten - von einem Nachbarn in ihrer Wohnung in Altona erwürgt. Kai - von zwei Männern wegen 20 Euro erstickt. Peter und Alexander - mit 100 Messerstichen von einem Bekannten ermordet. Und Kinder wie Branimir, der erst vor wenigen Wochen in Niendorf zu Tode geprügelt wurde. Die Fotos der Kinder liegen im Seminarraum der Verwaisten Eltern vor den Stühlen ihrer Mütter und Väter. "Du bist nicht mehr da, wo Du warst. Aber Du bist überall, wo ich bin." Das hat Petra Eder unter das Foto ihrer kleinen Lisa geschrieben. Es ist eins der letzten Bilder, die von Lisa gemacht wurden. Kurz vor jenem Türkei-Urlaub 2004, in dem Lisa ermordet wurde. "Sie wollte sich nur eine Luftmatratze kaufen", sagt Petra Eder und erzählt, wie Lisa zum Hotelshop lief - und nie wiederkam. Sie spricht schnell. So, als ob der Schmerz leichter zu ertragen ist, wenn man ihm keinen Raum, keine Zeit einräumt. Und doch spricht der Schmerz aus jedem Wort. Petra Eder erzählt, wie sie am Pool auf Lisa gewartet hat. Zuerst ungeduldig, dann verärgert und schließlich voller Angst. Sie erzählt, wie sie anfing, nach Lisa zu suchen. Im Zimmer, der Anlage, beim Hotelshop. Er hat an diesem Tag geschlossen. Da weiß Petra Eder, dass etwas nicht stimmt. Sie informiert die Hotelleitung, dann die Polizei, gibt eine Beschreibung von Lisa ab. Elf Jahre, blond, 1,65 Meter groß und bekleidet mit einem weißen T-Shirt mit Schmetterling. Noch am gleichen Nachmittag durchkämmen 500 Polizeibeamte die Gegend, errichten Straßensperren, verteilen Steckbriefe.
Dann beginnt das Warten. Die Nacht verbringt Petra Eder in einem
Sessel an der Rezeption. Viele Hotelgäste sind bei ihr, leiden
mit ihr, fürchten mit ihr. Doch Petra Eder hofft. Hofft, bangt,
betet. Auch als sie am nächsten Tag die Nachricht bekommt, dass
sie ins Krankenhaus kommen soll, hofft sie noch. Ein Mädchen
soll gefunden worden sein. Mehr weiß Petra Eder zu diesem
Zeitpunkt nicht. Sie weiß nicht, dass im Fernsehen bereits
Bilder gezeigt werden, wie Polizeibeamte eine Kinderleiche aus einem
Waldstück bergen. Sie weiß nicht, dass Lisa schon tot ist.
Das weiß sie erst, als sie im Krankenhaus in den Keller geführt
wird. Hier gibt es keine Krankenzimmer, hier gibt es nur einen
Obduktionssaal. Auf einem Tisch liegt ein blondes Mädchen. Es
trägt ein weißes T-Shirt mit Schmetterling. |
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