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Seite 1 von 2 Es ist nun schon ein
bisschen „wie nach Hause kommen“
Eine Rückschau auf das
Trauerseminar im Dezember 2007
von Petra Schafstedde
Zuerst die alten
ausgetretenen Steinstufen vor der Außentür – jede
einzelne ist irgendwie zu hoch. Dann die schier endlos anmutende
Holztreppe hinauf zum Dach, wo sich die Gruppenräume
befinden.... Alles höher und mehr, als ich ohne Anstrengung
gehen könnte. Da ist es gut zu hören, dass es die
Anderen auch so empfinden. Die Anderen, das sind Eltern,
die sich auf den Weg gemacht haben nach Bad Bevensen, um dort
zusammen um die verstorbenen Kinder zu trauern. Die Anderen,
das sind aber auch diejenigen, die in den Gruppenräumen auf uns
warten - die Trauerbegleiterinnen. Sie erwarten uns in Räumen,
die sie mit Achtsamkeit liebevoll vorbereitet und gestaltet haben.
Jedes Detail ist ein sorgsam ausgesuchtes Angebot. Nichts ist
zufällig, aber alles lässt den Trauernden viel Raum und die
Freiheit zu wählen und dadurch den sicher und mit Genauigkeit
geführten Gruppenprozess im jeweils individuellen Tempo zu
wagen. Es muss die langjährige Erfahrung von Anja Wiese und dem
gesamten Team sein, die die absolute Behutsamkeit in den begleitenden
Worten und die durchdachte Auswahl der Texte verknüpft mit
bewegenden gestalterischen Elementen.
All das, dazu die Bereitschaft,
jeden von uns so anzunehmen, wie er gekommen ist, und uns als Gruppe
geduldig nicht nur auszuhalten, sondern auch halten zu können,
nimmt uns mit auf eine Reise zu den schmerzlich gehüteten
Erinnerungen an unsere geliebten Kinder.
Ich verliere das Gefühl
für Zeit und vertraue mich dem an, was zwischen mir und meinem
Kind geschieht.
Aufgehoben sind wir in der Gemeinschaft mit den
anderen Eltern, an deren Trauer wir teilnehmen dürfen und bei
denjenigen, deren Beruf ich zum ersten Mal wirklich wörtlich
verstehe. Sie harren dort aus mit uns, wo wir selbst am liebsten
weglaufen würden. Sie sind Trauerbegleiter, und ich ziehe
meinen Hut vor der konkreten Qualität ihrer Arbeit, die sich am
Ende des Seminars sehr deutlich in ihren erschöpften Gesichtern
spiegelt. Ich kenne die Sorge, ob die so notdürftig verheilten
Wunden nicht wieder aufgerissen werden. Die Antwort, die Kilians
Vater mir auf diese Frage gegeben hat, hat mich sehr berührt:
„Die auf diese Weise gestaltete Nähe zu unseren Kindern wird
durch das, was wir dort erlebt haben, so gewandelt, dass sie uns auf
irgendeinem Weg wieder ins Leben führt“.
Der Blick auf andere
Eltern, die auch diesen schweren Weg gehen, stärkt und
verbindet. So, wie es zum Ausdruck kommt im Bericht von Renate
Korntheuer. Renate trauert mit ihrem Mann Jürgen um Renates Sohn
Alexander.
Jürgens kleine Tochter Maja aus erster Ehe ist vor
vielen Jahren gestorben. Renate hat nach dem Besuch des Seminars für
sich „den Versuch gemacht, etwas festzuhalten, damit es nicht
verblasst...“ und wir dürfen diesen Text ebenso wie ein
Gespräch mit Jürgen über seine Trauer veröffentlichen.
Renate schreibt: „Wir sind das vierte mal nach Alexanders Sterben
im Trauerseminar in Bad Bevensen. Es ist nun schon ein bisschen wie
‘nach Hause kommen’,ja ein wenig Vorfreude ist spürbar auf
ein Wochenende mit Menschen, die uns in unserer neuen Identität
verstehen. Nicht abtasten müssen, ob ich Alexander erwähnen
und von ihm reden darf, nichts erklären müssen, so sein zu
dürfen, wie wir uns doch fühlen mit unserem toten Kind.
Vorfreude, die Zeit mit Bärbel zu erleben, die uns ans Herz
gewachsen ist, Bernhard und Annette, Conny und Ebby wiederzusehen,
die mit uns das dritte Mal zusammen sein werden. Vorfreude auf
Rituale, die uns immer bedeutsamer werden, an denen wir uns hangeln
und festhalten können.
Hinzu kommt für uns: Es naht die
alljährliche schmerzliche Woche des Unfallgeschehens vor
Weihnachten. Drei Tage nach diesem Wochenende jährt sich der
Unfalltag und am 23. Dezember Alexanders Todestag. Gerade deshalb
fühlen wir uns in diesen Tagen besonders geborgen im Kreis der
trauernden Eltern, werden wir doch zu Hause von einem Großteil
der Verwandten und Bekannten ge- und verschont (nach dem Motto ‘nur
nichts anrühren’). Dieses Mal begleiten uns Petra und August
schon auf der Hinfahrt. Wir kennen uns aus der offenen
Gesprächsgruppe in Münster. Und ich wünschte mir
besonders für Petra, dass mein Zuspruch am Seminar teilzunehmen,
gut wird. Für uns war das Zusammensein wieder ganz wichtig und
wertvoll.
Es ist dieses warme Gefühl, getragen zu werden und –
wie wir es jetzt nach drei Jahren erleben – auch den neuen
Trauernden etwas mittragen zu können. In unserer Gruppe gab es
drei Elternpaare, deren Kinder erst in diesem Jahr gestorben waren.
Erinnerungen an unser erstes Teilnehmen und das Gefühl, dass der
Trauerprozess schon Veränderung mitbrachte, standen
nebeneinander. Neben den vielen intensiven Momenten im Schweigen, in
Gesprächen, im Tun ist uns vor allem das gemeinschaftliche
Erlebnis am Abend des zweiten Tages im Gedächtnis. In den
sternenklaren Nachthimmel ließ jede Gruppe aus ihrer Mitte
einen Heißluftballon steigen, befrachtet mit guten Gedanken und
Wünschen an unsere verstorbenen Kinder.
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