Leseprobe: Kapitel "Einführung" aus: "Rituale in der Trauer"
„Wenn wir sterben, bleibt die Schale auf der Erde liegen. Der Rest verreist. " (Lars, 6 Jahre)
Für diese Reise zwischen Himmel und Erde, vom Diesseits ins Jenseits, von einer in die andere Welt, und für diejenigen, die zurückbleiben, haben wir Menschen seit jeher Rituale als Begleiter.
In unserer Kultur hatten Rituale über einen langen Zeitraum ihre Bedeutung verloren. Seit einigen Jahren erfahren sie jedoch eine wahre Renaissance. Menschen unterschiedlichster Fachrichtungen beschäftigen sich mit diesem Thema.
Was bewegte uns Autoren, dieses Buch, „Rituale in der Trauer", zu schreiben? Es war nicht unbedingt der Zeitgeist, der den Anstoß gab, es waren vielmehr die zahlreichen Nachfragen und Wünsche der Teilnehmer unserer Seminare, auf die wir mit dem Buch eine Antwort geben.
Die Autoren gehören einem Team von Trauerbegleitern an, die seit vielen Jahren Trauerseminare in Bad Segeberg durchführen.

Diesen Seminaren ist über die Jahre eine Form der Ritualarbeit erwachsen, die in ihrer Gestalt einzigartig ist. Sie wird von einem Team getragen, das durch besondere Kräfte auf eine wunderbare Weise verbunden ist: An erster Stelle steht die Liebe zur Arbeit mit den Trauernden und die Haltung, dass sie der Mittelpunkt sind und bestimmen, wo der Weg langgeht - von ihnen lernen wir!
„Gesegnet sind die Trauernden, denn die Erde braucht sie", beschreibt Wolfgang Teichert unsere Haltung. Trauernde leben mit ihrem Schmerz, mit ihrer Verzweiflung, mit ihrer Erfahrung: „Nichts ist mehr so, wie es war' in einer Seelentiefe, zu der den meisten Menschen in ihrem Alltag der Weg versperrt scheint.
Das Vertrauen, das Miteinander-Vertraut-Sein und das Sich-Trauen der Gruppenleiter schafft im Team eine Atmosphäre des Getragen-Seins und der Ermutigung, auch außergewöhnliche Wege zu gehen.
Letztlich haben die fachliche Kompetenz der einzelnen Teamer und ihre jahrelange Erfahrung in der Trauerbegleitung ebenfalls ihre besondere Bedeutung bei der Gestaltung der Ritualarbeit.
Wenn ein Geschwisterkind seine Eltern nach einem Abschlussritual fragt: „Wann fahren wir wieder nach Gott Segeberg?" beschreibt das den besonderen „Geist", der unsere Arbeit begleitet.
Als wir vor Jahren mit der Ritualarbeit der Trauerseminare in Bad Segeberg begannen, stellten wir fest, dass viele traditionelle Rituale die Menschen innerlich kaum noch erreichten: Sie wirkten allzuoft wie sinnentleerte Verhaltenskonserven, deren Inhalte irgendwie und irgendwo verloren gegangen waren.
Wir konnten die alten Rituale nicht einfach übernehmen, sondern waren aufgefordert, neue zu entwickeln und zu gestalten, von denen viele in diesem Buch beschrieben werden. Wer nun allerdings erwartet, ein „Trauerritual - Rezept - Buch" vorzufinden in dem Sinne: „Zu diesem Anlass nehme man jenes Ritual", wird sicherlich enttäuscht sein. Diese Herangehensweise würde dem besonderen, überaus vielschichtigen Wesen des Rituals und der Einzigartigkeit jeden Trauerweges auch in keiner Weise gerecht werden - Wesen verstanden in seiner eigentlichen Wortbedeutung: „Dem inneren Sein nach" (Mackensen).
Wir laden vielmehr den Leser ein, sich mit uns auf eine Reise zu begeben, die in das Zentrum eines Labyrinths führt und wieder hinaus: Die vielen unterschiedlichen Facetten und Dimensionen jenes Phänomens zu erkunden, das sich „Ritual" nennt. Das Durchschreiten eines Labyrinths selbst ist ein kraftvolles Ritual (in früheren Zeiten ausschließlich Auserwählten - Helden, Priestern, Königen -vorbehalten) , und anders als der Irrgarten führt es nicht in die Irre, sondern zu tiefer Einsicht.
Wir wollen zeigen, dass Rituale die immanente Fähigkeit besitzen, in Resonanz mit jener Seelentiefe zu gehen, in der Trauernde sich wiederfinden.
Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass die beschriebenen Rituale zwar in und für Trauergruppen entwickelt wurden, sich viele Elemente aber für den Trauerweg des Einzelnen übernehmen lassen.
Christa Pauls, Uwe Sanneck, Anja Wiese
Die Autoren
Die Autoren begleiten seit vielen Jahren Trauernde in einem multiprofessionellen Team in den Segeberger Trauerseminaren. Sie sind Mitglieder im Leitungsteam des Instituts für Trauerarbeit (ITA) der Evangelischen Akademie Nordelbien in Hamburg. Christa Pauls studierte verschiedene Weisheitstraditionen und ist Familientherapeutin und Psychodramatikerin. Uwe Sanneck ist Theater- und Spielpädagoge, Trauerbegleiter, Erwachsenenbildner und für das Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg tätig. Anja Wiese ist Trauerbegleiterin im Verein Verwaiste Eltern Hamburg e.V. und Autorin.
Christa Pauls, Uwe Sanneck, Anja Wiese:
Rituale der Trauer
Edition Lebensfragen
146 Seiten mit
ca. farbigen 15 Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag
21x13cm
ISBN 3-8319-0110-4